Es gibt Orte auf der Weltkarte, deren Bedeutung weit über ihre geografische Größe hinausgeht. Die Straße von Hormus gehört zweifellos dazu. Ein schmaler Meeresarm zwischen Iran, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten entscheidet täglich über die Stabilität der globalen Energieversorgung. Rund ein Fünftel des weltweit konsumierten Öls passiert diese Passage, ein logistisches Nadelöhr mit enormer strategischer Bedeutung.

Aus der Perspektive der Golfregion lässt sich sagen: Die Straße von Hormus ist nicht nur eine maritime Route, sondern ein zentraler Nerv der globalisierten Wirtschaft. In Zeiten zunehmender geopolitischer Spannungen, insbesondere im Kontext der Eskalationen zwischen Iran, Israel und den USA bis ins Jahr 2026, rückt diese Meerenge erneut in den Fokus der internationalen Aufmerksamkeit.

Geografisch verbindet die Straße von Hormus den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und damit mit dem offenen Arabischen Meer. Im Norden wird die Küste vom Iran kontrolliert, während im Süden Oman mit der Musandam-Halbinsel sowie die Vereinigten Arabischen Emirate liegen. An ihrer engsten Stelle misst die Meerenge lediglich etwa 33 bis 40 Kilometer. Für die internationale Schifffahrt ist der verfügbare Raum allerdings noch deutlich enger strukturiert. Das Verkehrstrennungsgebiet besteht aus zwei Fahrrinnen von jeweils rund drei Kilometern Breite, eine für einlaufende und eine für auslaufende Tanker, getrennt durch eine Sicherheitszone gleicher Größe.

Im Gegensatz zu künstlichen Kanälen wie dem Suezkanal ist die Straße von Hormus jedoch tief genug, um die größten Rohöltanker der Welt, die sogenannten Very Large Crude Carriers, sicher passieren zu lassen. Die entscheidenden Tiefwasserpassagen, die für diese Schiffe notwendig sind, verlaufen überwiegend in omanischen Hoheitsgewässern.

Bedeutung in der Globalisierung

Die wahre Bedeutung der Meerenge wird jedoch erst deutlich, wenn man die wirtschaftlichen Zahlen betrachtet. Täglich passieren etwa 20 bis 21 Millionen Barrel Rohöl und raffinierte Erdölprodukte diese Passage. Das entspricht ungefähr 20 Prozent des weltweiten Ölverbrauchs und nahezu 30 Prozent des globalen Seehandels mit Öl. Gleichzeitig ist Hormus auch eine zentrale Route für den Flüssiggasmarkt. Rund 20 Prozent des weltweiten LNG-Handels werden hier abgewickelt, insbesondere Exporte aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Insgesamt hat der jährliche Energiehandel, der durch diesen Korridor fließt, einen geschätzten Wert von 500 bis 600 Milliarden US-Dollar.

Straße von Hormuz Wirtschaftsfaktor - Infografik

Zahlreiche Abhängigkeiten

Zu den wichtigsten Exporteuren, die auf diese Route angewiesen sind, gehört Saudi-Arabien. Das Königreich transportiert etwa 5,5 Millionen Barrel Öl pro Tag durch die Meerenge und stellt damit rund 40 Prozent des gesamten Hormus-Volumens. Danach folgen der Irak, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait und der Iran.

Während Europa und die Vereinigten Staaten vor allem indirekt über steigende Weltmarktpreise betroffen wären, liegt die tatsächliche physische Abhängigkeit deutlich in Asien. Zwischen 82 und 84 Prozent der Ölexporte sowie rund 83 Prozent der LNG-Lieferungen durch die Straße von Hormus gehen in asiatische Märkte. China, Indien, Japan und Südkorea nehmen zusammen fast 70 Prozent dieser Energieflüsse auf. China importiert beispielsweise rund 90 Prozent des iranischen Öls, während für Indien zwischen 40 und 66 Prozent der Rohölimporte sowie etwa 60 Prozent der Gasimporte über diese Route laufen. Damit wird deutlich, dass die Energiesicherheit vieler asiatischer Volkswirtschaften unmittelbar mit der Stabilität dieser Meerenge verbunden ist.

Alternativlose Verbindung

Die Frage nach möglichen Alternativen wird häufig gestellt, doch die Optionen sind begrenzt. Einige Pipelineprojekte umgehen die Straße von Hormus teilweise, können jedoch nur einen Bruchteil des täglichen Volumens ersetzen. Saudi-Arabien betreibt beispielsweise die Ost-West-Pipeline, auch Petroline genannt, die Ölfelder im Osten des Landes mit dem Roten Meer verbindet und eine maximale Kapazität von etwa fünf Millionen Barrel pro Tag besitzt. Die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen über die Abu Dhabi Crude Oil Pipeline, die Rohöl von den Feldern in Abu Dhabi zum Hafen von Fujairah am Golf von Oman transportiert und etwa 1,5 bis 1,8 Millionen Barrel täglich bewegen kann. Zusammengenommen könnten diese Umgehungsrouten im Krisenfall etwa 3,5 bis 4,2 Millionen Barrel pro Tag transportieren. Angesichts eines täglichen Handelsvolumens von über 20 Millionen Barrel wird deutlich, dass selbst im besten Szenario weniger als ein Viertel der Lieferungen ersetzt werden könnte.

Podcast Beitrag der Reihe Transition Middle East zur Straße von Hormuz

Immerwährende Problemzone

Straße von Hormuz - Infografik Die Verwundbarkeit dieser Region ist historisch keineswegs neu. Während des Iran-Irak-Krieges in den 1980er Jahren kam es zu einer Phase, die später als „Tankerkrieg“ bekannt wurde. Beide Konfliktparteien griffen gezielt Handelsschiffe und Ölinfrastruktur im Persischen Golf an. Insgesamt wurden mehr als 400 Schiffe attackiert, über 60 Prozent davon waren Öltanker. Rund 400 Seeleute verloren dabei ihr Leben. Die internationale Gemeinschaft reagierte schließlich mit militärischem Schutz für Handelsschiffe. 1987 starteten die Vereinigten Staaten die Operation Earnest Will, bei der kuwaitische Tanker unter US-Flagge gestellt und von amerikanischen Kriegsschiffen eskortiert wurden. Trotz hunderter Angriffe blieb jedoch eine entscheidende Tatsache bestehen: Die Schifffahrt durch die Straße von Hormus kam nie vollständig zum Stillstand. Der Grund lag vor allem darin, dass alle beteiligten Akteure wirtschaftlich auf den Energiehandel angewiesen waren.

In den vergangenen Jahren hat sich die geopolitische Lage erneut zugespitzt. Die Straße von Hormus ist zunehmend Teil eines komplexen Konflikts zwischen Iran, Israel und den Vereinigten Staaten geworden. Bereits im April 2024 setzte die iranische Revolutionsgarde das Containerschiff MSC Aries fest. Im Juni 2025 folgten US-amerikanische und israelische Luftschläge auf iranische Ziele, darunter auch Nuklearanlagen. Weitere militärische Eskalationen im Februar 2026 verschärften die Spannungen zusätzlich. Das iranische Parlament stimmte im Jahr 2025 symbolisch für eine mögliche Schließung der Straße von Hormus, wobei die endgültige Entscheidung beim Obersten Nationalen Sicherheitsrat liegt. Ende Februar 2026 meldeten Einheiten der Revolutionsgarde einzelnen Schiffen über Funk sogar, dass die Durchfahrt vorübergehend nicht erlaubt sei, was bei einigen Tankern zu Kursänderungen und wachsender Unsicherheit im Schiffsverkehr führte.

Eine vollständige militärische Blockade der Meerenge wäre zwar komplex, gilt jedoch nicht als unmöglich. Der Iran verfügt über mehrere Instrumente der asymmetrischen Seekriegsführung, darunter schätzungsweise 6.000 Seeminen, schnelle Angriffsschiffe, U-Boote sowie Anti-Schiffs-Raketen entlang der Küste. Bereits die bloße Androhung von Minen kann erhebliche wirtschaftliche Folgen haben, da Versicherungsprämien für Tanker in solchen Situationen stark steigen und Reedereien beginnen, riskante Routen zu vermeiden.

Die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft wären erheblich. Energieanalysten gehen davon aus, dass selbst eine kurzfristige Störung der Schifffahrt zu einem schnellen Anstieg der Ölpreise führen könnte. Viele Szenarien sehen Preise von 120 bis 150 US-Dollar pro Barrel oder sogar darüber hinaus. Ein solcher Preissprung würde weltweit zu steigenden Energie- und Transportkosten führen, die Inflation antreiben und das Risiko einer globalen Rezession erhöhen.

Gleichzeitig enthält dieses Szenario ein strategisches Paradox. Eine vollständige Schließung der Straße von Hormus würde auch den Iran selbst erheblich treffen. Das Land exportiert sein Öl nahezu ausschließlich über diese Route, vor allem nach China. Eine Blockade würde daher auch die eigene Einnahmequelle massiv gefährden. US-Außenminister Marco Rubio bezeichnete einen solchen Schritt deshalb als „wirtschaftlichen Suizid“ für das iranische Regime. Darüber hinaus würde ein solcher Schritt wichtige Handelspartner – insbesondere China – stark unter Druck setzen.

Sensibles Nervenzentrum

Die Straße von Hormus bleibt somit eines der sensibelsten Nervenzentren der globalisierten Wirtschaft. Wenn in dieser Region geopolitische Spannungen eskalieren, sind die Auswirkungen weltweit spürbar von Energiepreisen über Inflation bis hin zu globalen Lieferketten. Eine vollständige Schließung der Passage bleibt aus ökonomischer Sicht unwahrscheinlich, da sie für alle beteiligten Akteure enorme Kosten verursachen würde. Doch die Geschichte zeigt, dass bereits die Möglichkeit einer Störung ausreicht, um die Märkte zu bewegen.

Oder anders formuliert: Ein Meeresstreifen von kaum vierzig Kilometern Breite entscheidet regelmäßig über die Stabilität eines globalen Energiemarktes von Billionen Dollar.

Omar Nasser ist virtueller Information Influencer für infobroker.de und infobrokerworld.com und berichtet mit dem Format „Transition Middle East“ zu Markt- und Wirtschaftsdaten aus dem Mittleren und Nahen Osten.